Andalus-Abend am 12. Dezember 2003

 

     Die Geschichte des arabischen Andalusien:

AL-ANDALUS, "HELLE ZIERDE DER WELT"

Schon im 9. Jahrhundert hatte sich Andalusien zu einem wahren Weltwunder entwickelt. Nachdem die Araber 711 spanischen Boden betreten hatten, begannen sie mit dem Aufbau einer urbanen Gesellschaft nach dem Vorbild Bagdads. Bagdad, die „Stadt des Friedens", die 762 aus dem Nichts entstanden war, hatte sich zu einem blühenden Zentrum von Industrie, Landwirtschart, Handel, Wissenschaft und Künsten entwickelt, deren Einfluß in Osten bis nach Indien und China wirkte. Nach seiner Gründung stand Andalusien zunächst unter der Herrschaft des Emirs von Nordaftika, der mit Zustimmung des Kalifen Walid ibn Abd al-Malik aus der Dynastie der Omajaden in Damaskus einen Gouverneur ernannte, aber schon bald wurde das arabische Spanien unabhängig. Der Omajade Abd al-Rahman floh, als die rivalisierende Dynastie der Abbasiden die Macht in Bagdad ergriff, nach Spanien, und rief dort 756 ein unabhängiges Emirat aus.

Unter der Herrschaft Abd al-Rahman III. (912-961), der sich selbst im Jahr 929 zum Kalifen von Spanien ernannte, begann eine Blütezeit der andalusischen Nation, die unter dessen Nachfolger Al-Hakam II. (961-976) und seinem Heerführer Muhammed ibn Abi Amir — bekannt als „Al-Mansur" — ihren Höhepunkt erreichte. Das Kalifat zerfiel 1031, aber die andalusische Kultur blühte weiter. Einige Stadtstaaten wie Sevilla, Almeria, Badajoz, Granada, Tolcdo, Malaga und Valencia erlebten noch weitere Höhepunkte. Aber der Zusammenbruch des Kalifats schwächte die Stadtstaaten politisch und machte sie anfällig gegenüber dem militärischen Druck der christlichen Herrscher.

1085 fiel Toledo an Alfons VI., 1094 wurde Valencia für einige Zeit durch den Feldherrn El Cid unterworfen. Islamische Berber stoppten den christlichen Vormarsch und errichteten die Dynastien der Amoraviden (1095-1149) und der Almohaden (1149-1248). 1236 eroberte Ferdinand III. Córdoba, die Hauptstadt Andalusiens, 12 Jahre später Sevilla. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war die islamische Herrschaft auf das Königreich der Nasriden begrenzt, deren Herrschaft sich damals über Granada, Almeria, Malaga und Algesiras erstreckte.

Unter Abd al-Rahman II. (822-52) wuchs Andalusien auf eine Bevölkerung von mehr als 30 Millionen, — das ist fast soviel wie heute —, die in Hunderten von Städten, allesamt Zentren der Manufaktur, des Textilhandwerks, des Handels und der Bildung, arbeiteten und lebten. Die Hauptstadt Córdoba mit 130 000 Haushalten, 3000 Moscheen und 28 Vororten mit Villen, Palästen und herrlichen Gärten, war damals die größte Stadt des Westens.¹

Mit den Technologien sowie der Steuer- und Kreditpolitik, die unter dem Kalitat in Bagdad eingeführt worden waren, entwickelte sich in Andalusien ein hochentwickelter Agrarsektor. Die islamischen Gesetze kannten kein Erstgeburtsrecht, sondern privilegierten die Familienbetriebe und erleichterten die Verteilung des Landes an alle Nachkommen. Die Landwirte nutzten fortschrittliche Bewässerungstechniken, die durch Steuern finanziert wurden, und bezahlten anstelle von 10% ihrer Ernten nur 5% als Steuerabgabe.² Staudämme, Bewässerungskanäle und Pumpen erzeugten eine Produktivität, die der Nordcuropas um mehrere hundert Jahre voraus war.³ Die Textilindustrie beschäftigte alleine in Córdoba 13 000 Menschen und erzeugte Baumwolle, Leinen, Wolle und Seide. Staatliche und private Webereien arbeiteten mit Spindeln und horizontalen Webstühlen.

Im neunten Jahrhundert beschrieben die Chronisten die Städte Andalusiens als wahre Wunder: „So rühmt man Almerias, Malagas und Murcias golddurchwirkte Seidenstoffe, deren tadellose Qualität selbst das Entzücken orientalischer Betrachter hervorruft. In Abadilla stellt man jene Teppiche her, die im Orient so teuer bezahlt werden. Granada liefere die besonders farbenprächtigen Seidenkleider von der 'Samtschimmer' genannten Art. (...) Murcia fabriziert wunderschön eingelegte Bettgestelle, herrliche Gewebe, Metallwaren, wie vergoldete Messer und Scheren (...), die als häufige Exportartikel nach Nordafrika gelangen. Aus Murcia, Almeria und Malaga stammt das kostbare Glas- und Goldprozellan. Al-Andalus kennt auch die Herstellung verschiedener Mosaikarten (...)."

Das größte Wunder aber war der Fortschritt der Wissenschaften. So wäre der Reichtum der Industrie und des Handels in Andalusien ohne eine bewußte Politik des Staates, die Wissenschaften als treibende Kraft des technologischen Fortschritts und des allgemeinen wirtschaftlichen Wachstums zu fördern, nicht möglich gewesen. Der Politik der Abassiden in Bagdad folgend, förderten die andalusischen Herrscher Bildung und Künste, um das kulturelle Niveau der Bevölkerung anzuheben. Abd al-Rahman I. begann 785 mit dem Bau der großen Moschee, einem gewaltigen öffentlichen Bau, der fortan zum religiösen und kulturellen Zentrum des Landes wurde. Sie wurde unter seinen Nachfolgern Abd al-Rahman II. und III. erweitert und unter al-Hakem II. fertiggestellt.

Hakem II. verbesserte auch das Bildungswesen für die Armen, indem er in Córdoba 27 Grundschulen für die Kinder armer Familien einrichten ließ. In jeder Stadt blühten Universitäten - die ältesten Huropas - die jüdische, christliche und islamische Gelehrte und Studenten aus aller Welt wie Magneten anzogen. Al-Hakem war selbst ein Gelehner, der jedes der 400 000 Bücher seiner berühmten Bibliothek selbst gelesen hatte, wie man an seinen Randbemerkungen sehen kann. Bücher, die in Persien oder Syrien geschrieben worden waren, wurden erst in Andalusien berühmt.5 In der Stadt wurden jährlich 60 000 Bücher hergestellt, was durch die Erfindung des Papiers, die die Araber von den Chinesen übernommen hatten, erleichtert wurde. In jeder größeren Stadt gab es Papierfabriken.

Córdoba, die Perle Andalusiens, war in ganz Europa berühmt. In ihrem Gedicht über das Martyrium des Hl. Pelagius, das sie in ihrem Kloster in Gandersheim iam Harz schrieb, pries die Äbtissin Hroswitha in glühenden Worten Córdoba, als die „helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch die Wonnen, die sie umschließe, strahlend im Vollbesitz aller Dinge."